Herbarium Staubwedel

Bonolino und die KlatschpresseBonolino und die Klatschpresse

Donnerstag ist Putztag. Dann jage ich mit meinem Staubwedel beherzt den Wollmäusen hinterher, um sie zu einer Luftveränderung ins Freie zu scheu­chen.

Besonders geschickt scheine ich mich dabei wohl nicht anzustellen, denn meis­tens suchen sich die Flusen einfach nur neue Ecken und Winkel zum Dösen aus. So auch letzte Woche. Hochmotiviert stand ich in meiner kleinen Bibliothek, wischte hier, wedelte dort, und brachte durch meine beschwingte Staubfuchtelei mich selbst und einige Bücher zum Niesen. Hatschiii! Ein paar Wälzer kamen dabei auf ihrem Regal derart ins Schunkeln, dass ein dickes Wörterbuch ein kleines Büchlein versehentlich aus dem Regal schubste. Aua! Auf die große Zehe!

Bonolino staubt ab

 

Ich hob es auf und stellte fest, dass es sich dabei um ein Herbarium handelte, also um eine Sammlung getrockneter und gepresster Pflanzen. Als ich es öffnete, schlug mir lautes Stimmengewirr entgegen. Die Pflanzen waren trotz ihres welken Zu­stan­des ziemlich mitteilsam. Da gab es Palaver-Papaver und Laber-Rhabarber, Ze­ter­si­lie und Schwatzendes Lieschen, Blühender Unsinn, Munkel-Ranunkel, Quas­sel­blu­men, Spitz­fin­de­rich, Plappel-Blätter, Pfeffergrinze und viele mehr. Schnell klappte ich es wieder zu. Puh!

„Ich habe Durst!“, krächzte das Büchlein.

„Das denke ich mir“, murmelte ich geistesabwesend, dann stutzte ich. Hö? Wie war das? Von Wissensdurst und Lesehunger hatte ich bereits gehört. Trinkende Bü­cher waren mir aber bisher noch nicht über den Weg gelaufen.

„Kleiner Scherz“, kicherte das Herbarium. Hmmm. Das nennt man dann wohl trockenen Humor. „Du könntest aber trotzdem etwas für meine Pflänzchen tun.“

„Aha. Und was könnte das sein?“

„Wie du ja mitbekommen hast, sind sie ziemlich redselig. Auf dem Regal bei den Lexika, philosophischen Werken und wissenschaftlichen Abhandlungen ist es ihnen zu langweilig. Denn mehr als ein Soso, Wohlan oder Ähem geben die alten Schin­ken nicht von sich, weil sie die ganze Zeit schrecklich viel nachdenken müssen. Und wenn sie endlich mal etwas sagen, streiten sie nur. Könntest du mich nicht auf das Fens­ter­brett in deiner Küche zu deinen Kräutertöpfchen stellen?“

Alte Schmöker

 

Mir fiel spontan nichts ein, was dagegen sprechen könnte, also willigte ich ein. Das Herbarium bekam einen neuen Platz zwischen Thymian, Basilikum, Salbei und Ma­jo­ran. Rückblickend hätte ich mir denken können, dass das keine gute Idee war. Denn fortan hatte ich in meiner Küche keine ruhige Minute mehr. Jede Mahlzeit, die ich mir zubereitete, wurde kommentiert. „Da muss mehr Schnittlauch rein! Probier es mal mit Senf! Koriander geht ja gar nicht!“ Selbst meine Küchenkräuter fingen an, sich in meine Ernährungsgewohnheiten einzumischen. Es war zum Verrücktwerden!

Die Klatschpresse zwischen den Küchenkräutern

 

„Das ist hier ja die reinste Gerüchteküche.“ MauMau tapste zu ihrer Wasserschale.

„Ja, nicht wahr? Bei denen steht der Mund nie still!“ Aufgebracht stellte ich meinen Teller auf den Küchentisch und kramte Messer und Gabel aus der Schublade hervor.

„Kein Wunder“, lachte MauMau. „Deine Küchenkräuter sind ja auch alle Lippen­blütler. Und die Klatschpresse daneben macht es natürlich auch nicht besser.“

„Klatschpresse?“, empörte sich das Herbarium. „Du nennst mich Klatschpresse? Du unverschämtes Weidenkätzchen!“

MauMau grinste: „Wenn schon, dann Tigerlilie. Warum stellst du die Tratschtanten nicht ins Gewächshaus zu den Gähne­blüm­chen, Schlafgarben und Taubnesseln, Bonolino?“ Prima Idee! Die besagten Pflänzchen hörten sowieso nie zu und dem Herbarium und seiner quas­se­li­gen Belegschaft würde das hoffentlich nicht auffallen. Den Küchen­kräu­tern drohte ich eine Stinkmorchel als Topfnachbarn an, wenn sie ihr loses Mund­werk nicht zügeln wür­den. Und was soll ich euch sagen: Seitdem treiben sie die reinsten Stillblüten!

 

Filmstreifen
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