Bonolino und CarusoBonolino und Caruso

An einem wunderschönen Abend im Juni saßen meine Freunde MauMau, Knabber, Türülü und ich unter dem großen, mit LED-Lampions geschmückten Ahornbaum in meinem Garten und genossen die laue Frühsommerluft.

Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, bis plötzlich ein lautes „O sole mio“ uns aus unserer behaglichen Besinnlichkeit riss. Ich schreckte aus meinem Planschbecken hoch und hielt nach dem Unruhestifter Ausschau. Nach einigen Augenblicken entdeckte ich auf einem der Lampions ein Glühwürmchen, das sich fast die Seele aus dem Leibe sang.

 

 

„Wer bist du und was tust du da?“ fragte ich das kleine Insekt überrascht.

„Ich heiße Caruso“, antwortete das Glühwürmchen. „Ich liebe die Oper! Deshalb singe ich.“

„Du singst wunderschön“, sagte Türülü. „Und ich weiß, wovon ich rede. Warum sitzt du denn da allein auf der Lichterkette, wenn du mit deinem Gesang ganze Opernsäle füllen könntest?“

 

Caruso schluchzte: „Es hört mir ja keiner zu – die Lichterkette kann wenigstens nicht wegfliegen. Ich schwärme für Rosinda. Na ja, eigentlich heißt sie Rosa von Lux, eine adelige Glühwürmchendame. Jedenfalls mag sie mich nicht erhören, sie ignoriert mich einfach!“

„Vielleicht solltest du weniger für sie singen, als für sie leuchten“, meinte MauMau nachdenklich. „Sie ist ja ein Glüh- und kein Ohrwürmchen.“

„Genau!“, rief Knabber und sang: „La donna è mobile ...“ Das Eichhörnchen räusperte sich und fügte hinzu: „Das ist Italienisch und heißt, die Frau hat ein Mobiltelefon! Ruf Rosinante doch mal an!“

„Knabber, was redest du für einen Unfug!“, rief ich empört, „Du kannst doch gar kein Italienisch! Und wenn sie seinen Gesang nicht erhört, dann erst recht kein Mobiltelefon. Vielleicht ist sie ja schwerhörig. Außerdem gibt es so kleine Handys gar nicht.“

Carusos grün leuchtender Hinterleib wurde vor Entrüstung rot. „Rosinda, nicht Rosinante! Sie ist ein Glühwürmchen, kein Pferd!“

„Schon gut, schon gut“, kicherte Knabber. „Hoffentlich ist sie nicht rot-grün-blind.“

MauMau gab Knabber einen Klaps, und das freche Eichhörnchen sprang lachend in den Ahornbaum.

Das alles half dem armen Caruso natürlich nicht weiter. Traurig saß er auf der Lichterkette und jammerte vor sich hin.

„Ich habe eine Idee!“, rief Türülü. „Rosinda will wohl stärker umschwärmt und umworben werden. Wir müssen dir eine größere Bühne schaffen. Und du musst selbstbewusster auftreten: Du bist kein armes Glühwürmchen, sondern ein phänomenaler Leuchtkäfer!“

„Au ja!“, rief ich. „Wir veranstalten ein Konzert! Und heutzutage gehört zu einem richtigen Konzert eine Vorgruppe, die vor dem eigentlichen Star auftritt. Mir schweben da die Bee Gees vor – das ist eine beliebte Bienen-Boy-Group! Ich kenne den Sänger Willi. Bestimmt stimmt er zu!“ Ich war ganz aufgeregt. Als Konzertveranstalter hatte ich mich bisher noch nie betätigt.

Meine Freunde und ich legten uns mächtig ins Zeug, um Carusos Auftritt zu einem strahlenden Erfolg werden zu lassen. Wir organisierten Erfrischungen, Snacks und jede Menge Sitzgelegenheiten für alle Arten von Zuhörern. Insekten natürlich, aber auch Singvögel, kleine Nagetiere und sogar Füchse und ein Wildschwein. Das allgemeine Interesse an der Veranstaltung war außergewöhnlich groß! Außerdem kümmerten wir uns um eine anständige Beleuchtung in Neongrün.

Dann kam der große Tag des Konzerts. Die Bee Gees gaben unter anderem „Ein Licht, das deinen Namen trägt“ von DJ Blitzi und „Lichterlos durch die Nacht“ von Selene Kicher zum Besten. Außerdem sangen sie mit Neona gemeinsam das Kinderlied „Leuchtkäfer flieg“. Und dann kam Caruso. Wir hatten ihn davon überzeugt, dass er statt Opernarien etwas Moderneres vortragen sollte. Und so sang er im Lichte einer riesigen Discokugel die schönsten Lieder aus „Saturday Light Fever“. Dank MauMaus trainerischer Unterstützung wurden seine Tanzeinlagen vom Publikum frenetisch bejubelt. Nach dem Konzertende sahen wir Caruso und Rosinda überglücklich Arm in Arm durch meinen Garten schlendern.

 

 

„Hach, wie schön! Ich freu mich ja so! Dann sind wir wohl erfolgreich gewesen, oder?“, fragte ich meine Freunde, als wir das junge Paar verliebt vorbeispazieren sahen.

„Aber sowas von!“, strahlte Knabber. „Ganz großes Kino!“

„Was glaubt ihr“, fragte Türülü, „war es die Musik oder die Discokugel, die Rosinda überzeugt hat?“

„Ganz klar die Discokugel“, antwortete MauMau grinsend. „Wer nicht hören will, muss sehen.“

 

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