Yeti-Warnschild Himalaya

Bonolino und die Yeti-KlauselBonolino und die Yeti-Klausel

Ich kann euch stolz berichten, dass mir unlängst eine besondere Ehre zuteil wurde: Ich durfte an der alljährlichen Konferenz der Kryptozoologen teil­nehmen!

Die Kryptozoologie beschäftigt sich mit der Erforschung von Kryptiden. Kryptide bedeutet so viel wie „geheime Wesen“. Es handelt sich hierbei um Fabelwesen, die eigentlich gar nicht existieren dürften. Nun, vieles, das nicht sein darf, kann trotzdem sein – Wissenschaft hin oder her. Zu der Konferenz, die dieses Mal im Himalaya statt­fand (dem höchsten Gebirge der Welt), waren außer mir nur Kryptide zugelassen. Denn da sie so geheim waren, beschäftigten sie sich am liebsten mit sich selbst und forschten vorzugsweise innerhalb ihrer eigenen Art. Wenn euch also irgendwann ein­mal ein Kryp­to­zoologe be­geg­net, kann es gut sein, dass er in Wirklichkeit ein ver­deck­ter Kryptid, also ein Fabel­wesen „undercover“, ist!

Alle Arten von unwahrscheinlichen Geschöpfen hatten sich zur Konferenz ein­ge­fun­den: Reptilienartige Drachen, Seeschlangen und Seeungeheuer. Unter den Misch­wesen fanden sich u. a. Basilisken, Greife, Mantikore, Sphinxen, Zentauren und Meer­jung­frauen. Auch viele Hominide (also Menschenartige) wie Yetis, Bigfoots und Sas­quatchs waren gekommen. Die Konferenzteilnehmer waren so wunderlich, zahlreich und ver­schie­den­artig, dass ich sie gar nicht alle benennen oder gar beschreiben kann! Mir gehen jetzt noch die Augen über! Der verblüffendste Teilnehmer war si­cher­lich ein Riesenkrake, der sich in einem gigantischen Meerwassertank mit Bullaugen zur Kon­fe­renz transportieren ließ. Während der Konferenz wurden die ver­schie­dens­ten The­men angesprochen: Jeder Kryptid durfte sein An­liegen vorbringen. Die Be­woh­ner ei­si­ger Regionen beschwerten sich über den Klima­wandel, die Seeungeheuer über die zu­neh­men­de Gewässerverschmutzung und einige besonders unheimliche Exem­plare da­rü­ber, dass die meisten Menschen scheinbar nicht mehr an sie glaubten und daher auch nicht mehr fürchteten. Vampire und Werwölfe waren von diesem Phä­no­men ganz be­son­ders betroffen. Nachdem alle Kon­fe­renz­teil­nehmer gesprochen hatten, traten die Yetis vor.

Bonolino fragt während der Konferenz nach der Yeti-Klausel

Jasper, der Sprecher der Yetis, wandte sich an die Versammlung: „Wir bestehen auf der Einhaltung der Yeti-Klausel!“

„Was ist die Yeti-Klausel?“, fragte ich überrascht in die Runde.

„Eine gaaanz heikle Angelegenheit“, antwortete eine Alraune. Für diejenigen unter euch, die in der Welt des Sonderbaren fremd sind: Alraunen sind Zauberwurzeln in Menschengestalt. Man nennt sie auch Mandragora. „Die Yetis weigern sich, sich fo­to­grafieren zu lassen.“

„Ganz genau! Wir sind still, sensibel, schüchtern!", polterte Jasper und baute sich zu seiner ganzen einschüchternden Größe auf. „Wollen einfach nur in Ruhe ge­lassen werden! Kein Medienrummel und kein Scheinwerferlicht! Das ganze Superstar-Gedöns ist was für Nessie und die Außerirdischen.“

„Was soll das denn heißen?“, geiferte das Monster von Loch Ness. „Willst du mich beleidigen?“

„Huch, nein!“ Der Yeti versuchte das gefährlich schäumende Seeungeheuer zu beruhigen und schlug schmeichelnde Töne an: „Wir sind nur nicht so fotogen und selbstsicher wie du. Du siehst viel besser aus und weißt dich elegant zu bewegen.“ Nessie beruhigte sich wieder und schnurrte wie eine Katze.

Dann wandte sich Jasper wieder an mich. „Viele Kryptide möchten endlich ent­deckt und anerkannt werden. Dazu lassen sie sich gerne fotografieren und in den Zeitungen unter Sensationsmeldungen präsentieren. Praktisch jeder hat das Monster von Loch Ness schon mal gesehen. Wir Yetis möchten aber gerne unter uns bleiben. Deshalb hatten wir mit der Kryptozoologischen Gesellschaft vereinbart, dass man uns niemals ablichten dürfe. In der letzten Zeit ist diese Vereinbarung aber häufiger verletzt worden. Ständig heftet sich jemand an unsere Fersen und fotografiert unsere Fuß­ab­drücke. Wir verlangen, dass die Kryptozoologische Gesellschaft uns vor so­ge­nannten Entdeckern, Pionieren, Paparazzi und Bergsteigern besser schützt!“

„Und wie sollen wir das bewerkstelligen?“, fragte ein Troll. „Sollen wir eine Schnee­patrouille für euch einrichten? Also mir ist es hier oben dauerhaft zu verfroren. Selbst Bonolino ist vor Kälte schon ganz blau geworden.“

„Nun, ich habe von Natur aus blaue Haut“, antwortete ich schmunzelnd. „Aber vielleicht habe ich eine Idee, wie man den Yetis helfen kann. Ihr sagt doch, dass eure Verfolger ständig eure Fußabdrücke im Schnee fotografieren.“

„Die würden uns natürlich lieber direkt vor die Linse bekommen“, grummelte Jasper.

„Aber wenn ihr Schuhe tragen würdet, Snowboots vielleicht, dann würde doch niemand mehr eure Abdrücke für Yeti-Spuren halten, und irgendwann würden sie das Interesse verlieren!“

„Ha! Geniale Idee, Bonolino!“, lachte Nessie. „Doch woher willst du Quadrat­lat­schen für so riesige Quanten bekommen? Nix für ungut, Jasper.“

„Von mir“, meldete sich der irische, koboldartige Leprechaun Jack zu Wort. „Ich bin Schuhmacher und ich kriege das hin!“

Der Leprechaun Jack

 

Und so wurde es gemacht. Die Yetis veranstalteten ab nun Quantensprünge im Schnee und in der Region verbreitete sich mit der Zeit die Mär, dass die Yetis von gestiefelten Riesen aus dem Himalaya vertrieben worden seien. Man ließ die Yetis in Ruhe und machte sich fortan auf die Suche nach den sagenhaften Giganten.

Bergsteiger im Himalaya wundern sich über riesige Stiefelabdrücke im Schnee

 

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