Bonolino und die fabelhafte Welt der WälderBonolino und die fabelhafte Welt der Wälder

In einer stürmischen Herbstnacht, ich war gerade zu Bett gegangen, klopfte es plötzlich laut polternd an meine Haustür. Erschrocken fuhr ich hoch. Wäre MauMau nicht gewesen, die in ihrem Körbchen beim warmen Ofen schlief – ich hätte es niemals gewagt, die Tür zu öffnen! Vorsichtig schob ich den Riegel zurück ... Die Tür knallte an meinen Kopf und zwei merkwürdige kleine Gestalten purzelten in mein Häuschen.

Die erste hatte den Körper eines Huhns, einen langen gebogenen Schnabel und auf dem Kopf wuchs statt eines Kamms ein kleines Geweih. Huh! Die zweite Gestalt sah aus wie ein geflügelter Hase und trug ebenfalls Hörner auf dem Kopf. Aus ihrem Mund wuchsen furchteinflößend lange Zähne und sie trommelte noch immer mit den Pfoten gegen meine Tür.

„Schney! Moch die Diar zuar!“, rief der trommelnde Hase.

Hö? Verdutzt schaute ich die beiden an. Was hatte er gesagt?

„Tür zu! Schnell!“, kreischte das gehörnte Federtier. Rasch kam ich der Aufforderung nach.

„Wawaaas seid ihr? Und was wollt ihr?“, stotterte ich aufgeregt.

„Ich heiße Alois und bin ein bayrischer Wolpertinger“, japste der seltsame Hase auf Hochdeutsch und flatterte mit seinen Flügeln. „Und das hier ist Elvis, ein Elwetritsch.“

„Elwetritsch? Wolpertinger?“

„Wir sind zwei Waldfabelwesen auf der Flucht.“ Alois' Blick flackerte nervös durch meine Wohnstube.

„Un isch bin e Pälzer!“, strahlte uns Elvis an.

„Aber du hast doch gar keinen Pelz“, wunderte sich MauMau.

„Pfälzer. Elvis kommt aus der Pfalz. Wir sind zu Gast im Taunus und hatten einen kurzen Abstecher in den Westerwald gemacht, um einen verwandten Waldschrat zu besuchen, als wir von einer Rotte Wildschweine überrascht wurden. Seitdem jagen sie uns mit Salzstreuern durch die Wälder hinterher!“ Alois war sichtlich empört und fletschte die Zähne. Elvis hingegen zeigte sich weitaus entspannter.

Rums! Rums! Rums! Irgendwer oder 'was war gegen meine Haustür gedonnert.

„Auaaa! Ei, jetzt machemol die Dierrr off, un loss os rrren, Bonolino“, tönte es von draußen.

„Wer seid ihr und woher kommt ihr?“, rief ich ängstlich, weil ich nichts davon verstanden hatte.

„Aus dem WWW.“

„Aus dem Internet?“, fragte ich erstaunt.

Draußen lachte und grunzte es: „Aus dem Wilden Westerwald!“

„Und wer seid ihr?“

„WWW.“

„Hö?“

„Wilde Wald-Wutzen!“ Und die ganze Rotte prustete wieder los. Das war mir ja mal ein fröhlicher Verein! Wer so herzlich über sich selbst lachen konnte, konnte doch nicht ernsthaft etwas Böses im Schilde führen, oder? Trotz der Proteste von Alois und Elvis öffnete ich die Tür.

„Ei gude, Bonolino!“ Ein riesiger Keiler stand im Türrahmen. Hinter ihm drängten sich mindestens ein Dutzend Wildschweine, die ihre Rüssel neugierig schnuppernd in die Luft streckten.

„Das hat ja gedauert. Wir haben's eilig. Wir sind nämlich auf der Suche nach ein paar Touristen aus Süddeutschland, die sich anscheinend im Wald verirrt haben – ein komisches Kaninchen und eine eigentümliche Ente. Einer der beiden ist wohl ein Wolpertinger. Aber so genau konnten wir sie nicht erkennen, weil sie unheimlich heimlich unterwegs sind.“

Das haben Fabelwesen wohl so an sich, aber Alois und Elvis schien diese Beschreibung gar nicht zu gefallen. „Kaninchen, Pah!“ „Ente, Unverschämtheit!“, hörte ich sie hinter meinem Rücken grummeln.

Der Keiler hatte die beiden noch nicht bemerkt und fuhr fort: „Die Sache ist so: Bald ist Halloween, und da sollte niemand, der sich nicht auskennt, in unserem Wald herumturnen. Wir Einheimische kennen die Hexen, Geister und deren Gebräuche. Aber Fremde können schnell mal unter die Räder geraten. An Halloween und in der Walpurgisnacht ist der Wald tabu! Deshalb suchen wir die beiden, um sie in Sicherheit zu bringen!“

„Okay, aber warum verfolgt ihr sie mit Salz?“ Ich nickte mit meinem Kopf in Richtung der Streugefäße, die die Wildschweine in ihren Klauen hielten.

„Du bist wohl noch nicht weit rumgekommen, was, Bonolino?“ Der Keiler kicherte. „Jedes Kind weiß doch heutzutage, dass man einen Wolpertinger nur fangen kann, indem man ihm Salz auf den Puschelschwanz streut!“ Die Rotte fing erneut an zu lachen.

„So ein Quatsch!“ Alois sprang hinter der Tür hervor und baute sich breitbeinig vor dem Keiler auf. „Wer hat sich denn den Mist ausgedacht? Salz ist einfach nur salzig, sonst nichts. Außerdem wohnen wir selbst im Wald. Nur weiter südlich.“

„Nun“, mischte ich mich ein. „Die Wildschweine haben es offenbar nur gut mit euch gemeint. Ihr braucht keine Angst vor ihnen zu haben.“

„Richtiiich!“, grunzte der Keiler. „Wir bringen euch Heimlichtreter sicher heim. Alla hopp?“

„Alla gut!“, antwortete Elvis, der Elwetritsch, grinsend.

Nachdem nun alle Missverständnisse und Ängste aus dem Weg geräumt waren, machten sich Wolpertinger, Elwetritsch und Wildschweine auf die Heimreise, und ich mich zurück in mein warmes, gemütliches Bett. Eine Weile dachte ich noch über Dialekte, regionale Besonderheiten, Fabelwesen und Gruselgestalten nach. Wie vielfältig und interessant unsere Welt doch war!

„Findest du nicht auch, MauMau?“

Die kleine schwarze Katze grinste über das ganze Gesicht: „Joo! Un jetz babbel net un schloof endlisch!“

 

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