Bonolino und Lispel

Indiens Natur ist toll! So exotisch und bunt! Eine meiner Lieblingsfarben ist sogar nach dem Land benannt – das Indigo-Blau. Jawoll! Wen wundert’s da, dass ich mich begeistert auf den Weg machte, als mich ein Hilferuf von dort erreichte.

Wir – also meine Wenigkeit und ein rotbraunes Fellknäuel mit Puschelohren – landeten mitten im Dschungel. Knabber war mit von der Partie, weil das freche Eichhörnchen mich so lange drangsaliert hatte, bis ich seiner Reisegesellschaft endlich zustimmte. Mit offenem Mundwerk beobachteten wir, wie etwa zehn Elefanten trötend und schnaufend wie in einer Parade durch den Wald marschierten!

„Ist das die Frühpatrouille aus dem ‚Dschungelbuch?‘“, fragte Knabber.

„Wohl eher nicht“, kicherte ich und summte gutgelaunt die Melodie aus dem Disney-Kinderfilm. Nach einer Weile fühlte ich mich beobachtet. Ich drehte mich um und erblickte erstaunt einen kleinen Elefanten, der mich mit großen Augen anstarrte.

„Bist du ein Gott?“, fragte er stotternd.

„Ähem, nein … ich bin ein Nilpferd und heiße Bonolino“, antwortete ich und lächelte ihn wohlwollend an.

„Aber du bist ganz blau! Du musst ein Gott sein!“, beharrte er. „So wie Ganesha!“

„Wer ist Ganesha?“, wollte Knabber wissen.

„Ganesha ist ein hinduistischer Gott mit einem Elefantenkopf. Er kann in verschiedenen Farben in Erscheinung treten! Wenn er blaue Haut hat, ist das ein Zeichen höchster Vergeistigung und göttlicher Erleuchtung!“

Ich warf mich geschmeichelt in die Brust und reckte würdevoll das Kinn.

„Ganesha hat außerdem einen dicken Bauch und reitet auf einer Maus“, fuhr der kleine Elefant fort.

Ernüchtert sackte ich wieder in mich zusammen. Knabbers Ohren zuckten – das Eichhörnchen lachte leise vor sich hin.

„Nun gut“, räusperte ich mich und zog den Bauch ein. „Hast du mich hergebeten?“

„Ja! Aber ich wusste nicht, dass du so blau bist. Ich heiße Sunil. Das bedeutet ‚der Dunkelblaue!‘“, antwortete der Kleine nicht ohne Stolz. Mir persönlich kam bei diesem Namen ja eher die Farbe Weiß in den Sinn, aber das gehört jetzt nicht hierher.

„Eine Freundin von mir braucht deine Hilfe. Sie ist eine Brillenschlange und heißt Lisbeth.“ Knabber huschte ängstlich auf meine Schulter.

„Keine Bange“, fuhr Sunil fort, „Lisbeth ist extrem kurzsichtig und hat keine Giftzähne mehr – deshalb redet sie auch etwas undeutlich. Ihre Freunde nennen sie alle Lispel. Jedenfalls hat sich die Ärmste bei einer Beschwörung heillos verknotet.“

Meine Güte – was es nicht alles gibt! Ohne Umschweife machten wir uns auf den Weg. Lispel konnte man schon von Weitem schimpfen hören. „Dämlissser Ssslangenbessswörer“, giftete sie, „wasss mussste er auch diesssen doofen Ententanzzz bei mir ausssprobieren!“

Lispel schimpft über den Schlangenbeschwörer

„Hallo Lispel“, begrüßte Sunil den mürrischen Reptilienknoten. „Ich habe dir Hilfe mitgebracht. Das hier ist Bonolino, ein schlaues blaues Nilpferd, und dies hier ist Knabber, …“

„… ein gefährlich schneller Mungo!“, unterbrach ihn Knabber.

Hö? Verwundert hob ich die Augenbrauen.

Lispel keuchte erschrocken und zog den Kopf ein: „Isss dasss wahr? Wo issser? Ssseh ihn nissst. Ssseusss dasss Ding da wesss! Mag keine knabbernden Mungos!“

„Hab’ mal gehört, dass Schlangen Angst vor Mungos haben“, flüsterte Knabber mir ins Ohr. Schalk blitzte in den Knopfaugen des kleinen Nagetiers auf, als es von meiner Schulter zu Lispel auf den Boden sprang und sie dann übermütig an ihrem Schwanz kitzelte.

„Iiiiiiiiih!“, kreischte Lispel. „Lasss dasss, isss hasss dasss!“ Bei dem Versuch, sich wegzudrehen, löste sich ein Knoten und ihr Schwanz peitschte versehentlich gegen Knabber.

„Aua!“, empörte sich das Eichhörnchen. „Dasss hat weh getan, du bössse Ssslange!“

„Äff misss nissst nach, fressses Ding! Sonst fresss isss disss!“, zischte Lispel.

„Du kriessst misss nissst, du frissst misss nissst!“, neckte Knabber und wedelte mit dem Puschelschwanz vor ihrer Nase.

„Haaatsssssssiiiiiiii!“ Ein gewaltiger Niesanfall wirbelte Lispel in die Luft und löste dabei einen weiteren Knoten.

„Gesssundheit, Lissspel!“, rief Knabber und hüpfte dabei mehrfach wie beim Gummitwist über die Schlange hinweg. „Den letzzzten Knoten ssssaffssst du bessstimmt alleine.“

„Oh! Ooh! Oooh!“ Lispel blinzelte erstaunt, machte eine schnelle Bewegung und sank dann schielend zu Boden. „Isss bin verwirrt, aber entwirrt“, seufzte sie. „Danke, bissst ja doch ein Sssätssselein.“

„Gern gesssehen!“, krähte Knabber fröhlich. „Und probier’sss demnächssst mal mit Gemütlissskeit!“

Sunil gab ein glückliches Tröten von sich. Dann machten wir uns wieder auf den Heimweg.

Ein paar Wochen später brachte mir MauMau die Post in meinem Freiluftbüro vorbei. Einer der Briefe war an „Bonolino, den Halbgott in Blau“ adressiert und stammte von den Blindschleichen aus dem nahegelegenen Wald. Kopfschüttelnd öffnete ich den Umschlag und las:

Lieber Bonolino,

bitte nimm Knabber die Schlangenbeschwörerflöte weg – wir haben hier keine ruhige Minute mehr und sind von dem Gedudel schon halb taub!

Die Blindschleichen-Initiative „Schleich(dich)Hörnchen“

Knabber vertreibt mit seiner Flötendudelei die Blindschleichen


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