Bonolino und die Urzeitschrecken
Was gibt es Schöneres im Winter, als mit Freunden durch den Schnee zu toben und einen großen Schneemann zu bauen? Das Faulenzen danach! Ich fläzte mich mit einem spannenden Buch auf der Couch, trank heißen Tee und knabberte ein paar Vollkornkekse.
Die Sonne war bereits untergegangen, und im Licht meiner Stehlampe blätterte ich durch einen Bildband mit Dinosauriern und anderen urzeitlichen Kreaturen. Die Zeitspanne reichte bis etwa 230 Millionen Jahre zurück und unterteilte sich in verschiedene Erdzeitalter. Jedes Erdzeitalter hat besondere Merkmale, wie das Entstehen neuer Lebensformen oder deren Aussterben. Ich war froh, in der heutigen Zeit zu leben, denn einige waren wirklich furchteinflößend. Natürlich hätte ich sie gerne mal in echt gesehen, aber eigentlich war es auf der Couch sicherer und gemütlicher. Und die Bilder waren auch so beeindruckend! Mit gehörigem Respekt betrachtete ich das schaurige Abbild eines Tyrannosaurus Rex, eines riesigen Dinosauriers, der in der späten Kreidezeit vor etwa 68 bis 66 Millionen Jahre lebte. Mit dem wollte ich lieber keinen Ärger haben! Schnell blätterte ich weiter zum Zeitalter des Eozän. Das war vor etwa 56 bis 33,9 Millionen Jahren. Auf einer dieser Seiten starrte mich ein Terrorvogel mit stechendem Blick an. Ich hatte noch nie einen so großen Vogel gesehen! Fast drei Meter groß, aber flugunfähig, hatte er einen riesigen Schnabel, mit dem er kräftig zuhacken konnte! Huaaah! Ich flüchtete mich in die Zeit vor 15 Millionen Jahren und landete somit im Erdzeitalter des Miozän. Auf dieser Seite erwartete mich bereits ein Megalodon, ein gewaltiger Hai, gegen den ein Weißer Hai wie ein Hering wirkte. Er konnte wohl bis zu 18 Meter lang werden, sein Maul hatte eine Breite von über drei Metern und war mit riesigen Zähnen bewehrt! Uff! Ich als Nilpferd war ja schon nicht besonders klein, aber in den Urzeiten lebten wahre Giganten! Ich klappte das Buch zu und legte es neben mich. Das musste ich erst einmal verdauen und nahm mir einen weiteren Keks. Ich überlegte, warum die Tiere damals so groß wurden. Hmmm, wahrscheinlich einfach, weil sie es konnten. „Und dann schrumpften sie irgendwann wieder, weil die Lebensbedingungen sich geändert hatten“, murmelte ich vor mich hin. Plötzlich bewegte sich das Buch neben mir auf der Couch. Aus den Seiten wand sich plötzlich ein reptilienhafter Schwanz, ein Schnabel lugte hervor und Wassertropfen platschten auf den Teppich. Erschrocken sprang ich auf und stieß dabei versehentlich gegen das Buch, das daraufhin zu Boden fiel.
„Da hast du vollkommen Recht, Bonolino!“, sagte eine Stimme. Aus den Seiten krochen ein Terrorvogel und ein Tyrannosaurus Rex in Miniaturgröße. Der Dinosaurier zog ein mit Salzwasser gefülltes Goldfischglas hinter sich her, das mit einem Seil an seinen Schwanz geknotet war. In diesem Goldfischglas schwamm ein weiblicher Mini-Megalodon herum, der das Wasser auf meinen Teppich schwappen ließ. Ich kreischte entsetzt auf.

„Kein Grund in Panik zu geraten“, schnarrte der Tyrannosaurus etwas herrisch. „Wir sind doch viel kleiner als du“, fügte er dann etwas milder hinzu.
„Wir sind gar nicht so schrecklich“, zischte der Terrorvogel.
„Genauuu.“ Die Megalodonin öffnete das Maul zu einem breiten Grinsen und entblößte dabei ihre entsetzlichen Zähne.
„Ach ja?“, entgegnete ich. „Auch wenn ihr klein seid, finde ich euch trotzdem zum Davonlaufen. Wehe, einer von euch beißt mich!“
„Das liegt an unserem schlechten Ruf. Und damit meine ich nicht unser Brüllen“, sagte der Saurier. „Allein unsere Namen jagen allen Angst und Schrecken ein. Mega. Terror. Tyrann.“
„Deshalb sind wir hier. Gib uns andere Namen, Bonolino“, bat der Terrorvogel.
Das war ja eine seltsame Bitte. Aber ich konnte doch nicht einfach so Tierarten andere Namen verpassen. Wie sollte das denn gehen? Das würden mir doch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht durchgehen lassen!
„Das funktioniert so leider nicht. Aber ich könnte euch Vornamen, sozusagen Rufnamen, geben.“ Die drei Mini-Ungeheuer nickten dankbar mit dem Kopf.
„Mal sehen. Dann entnehme ich dem Wort ‚Tyrannosaurus‘ vier Buchstaben und mache daraus ‚Arno‘.“
Das Gleiche machte ich mit „Terrorvogel“ und bildete den Namen „Tore“. Und schließlich wurde aus „Megalodon“ eine Olga. Arno, Tore und Olga.
„Seid Ihr damit zufrieden?“
„Jaaaaaa!“, brüllten die drei wie aus einem Maul. Vor lauter Freude machten sie dann eine wilde Polonaise rund um meinen Wohnzimmertisch, sodass das Wasser nur so schwappte. Ich öffnete ihnen den Bildband, damit sie wieder auf die Buchseiten zurückkehren konnten. Nachdem auch das Goldfischglas wieder verschwunden war, klappte ich das Buch schnell wieder zu und stellte zur Sicherheit die Schale mit den Keksen darauf. Puh!

Am nächsten Morgen berichtete ich meinen Freunden MauMau, Türülü und Knabber von dem abendlichen Abenteuer. Knabber wollte sich selbst davon überzeugen und blätterte wagemutig durch den Bildband. Auf geheimnisvolle Weise hatten sich die Bildunterschriften geändert und statt Tyrannosaurus Rex, Terrorvogel und Megalodon standen nun die von mir vergebenen Namen unter den Illustrationen. Ein Haifischgrinsen stahl sich auf mein Gesicht, und die drei Urzeittiere schienen zurückzulachen. Dann entdeckte ich auf meinem Teppich neben den Salzwasserflecken noch ein paar andere Hinterlassenschaften. Der Mini-Terrorvogel war wohl ein bisschen zu aufgeregt gewesen.
Türülü lachte: „Kleinvieh macht auch Mist!“
Neolexon
Manchmal fehlen nicht die richtigen Namen, wohl aber die richtigen Worte. Kinder mit einer Sprachentwicklungsstörung profitieren von der App „Neolexon“. Die Artikulations-App ergänzt logopädische Behandlungen und unterstützt den Therapieerfolg.