Bonolino und die Wilde JagdBonolino und die Wilde Jagd

Spaziergänge in verschneiter Winterlandschaft sind etwas Wunderschönes. Ich liebe es, durch den tiefen Schnee zu stapfen und dabei die Eiskristalle knirschen zu hören. Alles wirkt irgendwie ruhig, langsam und gedämpft – als trüge man Wattebällchen oder Schlafstöpsel in den Ohren. Eine verlassene, stille und bedächtige Welt für sich.

Tief in Gedanken versunken, marschierte ich durch den weißen Winterwunderwald. WWWW. Ich musste schmunzeln, als ich mich an meine Begegnung mit den Wildschweinen im letzten Herbst erinnerte. Urplötzlich drang lautes Geschrei zu mir vor. Ich erschrak fürchterlich, wähnte ich mich doch vollkommen allein auf weiter Flur. Auf einer Waldlichtung entdeckte ich vier seltsame Gestalten, die sich tüchtig in die Haare geraten waren.

„Du sturer alter Bock!“, schimpfte eine in dunkelbraunes Sackleinen gekleidete Gestalt, deren Kopf durch eine Kapuze und einen struppigen schwarzen Bart verhüllt war, einen langen, krummen Stock in den Händen hielt und eine große Kiepe aus Weidenruten auf dem Rücken trug.

„Selber alt, Knecht Rupercht“, knurrte der Angesprochene, dessen geschlitzte Pupillen gefährlich funkelten. Sein Körper war komplett mit einem schwarzen, schafsfellartigen Pelz bedeckt. Auf seinem monströsen Kopf wuchsen große gewundene Hörner, eine lange Zunge hing ihm aus dem Maul, ohne dass sie ihn beim Sprechen beeinträchtigte und sein Ziegenschwanz peitschte wütend durch die Luft.

„Knecht Ruprecht, bitte schön!“, ereiferte sich ein dürres, altes Weib mit einer großen, vogelschnabelähnlichen Nase. „ICH bin Frau Percht und ich lasse meinen Namen nicht verhunzen!“

„Reg dich nicht auf, Frau Percht“, entgegnete eine rundliche, gemütlich wirkende, ältere Dame mit einem Witwe-Bolte-Gedächtnis-Kopfputz (ein den gesamten Kopf bedeckendes Tuch, das auf der Stirn zu einer Schleife zusammengebunden war). „Der Krampus will dich bloß ärgern.“

„Ich weiß, Frau Holle“, antwortete ihr Frau Percht. „Aber ich bin nun mal leicht in Rage zu bringen. Und wenn er seine Zunge nicht im Zaum hält, kriegt der Belzenickel eins aufs Dach!“

Verblüfft stand ich da und beobachtete die vier streitbaren, winterlichen Sagengestalten. Knecht Ruprecht, Frau Percht, Frau Holle und der Krampus. Fehlte bloß noch der Nikolaus. Aber der ließ sich nicht blicken.

Dann trat ich aus dem Schatten einer Tanne heraus. „Warum streitet ihr euch denn so?“, fragte ich vorsichtig in die Runde. Die vier starrten mich an.

„Nun, wir sind uns uneins darüber, wer von uns bei der Wilden Jagd dabei sein soll“, antwortete Knecht Ruprecht. „Der Krampus und ich begleiten beide den Nikolaus. Der zottelige Stinkstiefel im Süden und ich im Norden. Wir rufen die unartigen Kinder zur Ordnung, während der Nikolaus die artigen mit allerlei Geschenken überhäuft. Die Damen sind allein unterwegs. Frau Holle schüttelt vornehmlich in Mitteldeutschland die Betten zu Schneeflocken aus, maßregelt die Faulen und belohnt die Fleißigen. Frau Percht hingegen erzieht die Kinder überwiegend in Ostoberdeutschland und begleitet in den Raunächten vom 25. Dezember bis zum 6. Januar die Wilde Jagd. Aber wir anderen wollen auch alle mal dabei sein und über den Nachthimmel fliegen.“

„Die Wilde Jagd“, flüsterte ich ängstlich. „Was ist das?“

„Das willst du nicht wissen“, antwortete der Krampus und grinste über sein ganzes dämonisches Gesicht.

„Will er doch“, schnaubte Frau Holle. „Sonst hätte er ja nicht gefragt.“

„Die Wilde Jagd“, begann Frau Percht. „Die Wilde Jagd besteht aus Geistern, die in den Raunächten über den Himmel jagen und Unvorsichtige mit sich ziehen. Eine wirklich gruselige Angelegenheit. Ich werde langsam zu alt dafür. Zwischen den Jahren sollte man besser zu Hause bleiben!“

Gut zu wissen. Und tatsächlich hatte ich auch gar nichts anderes vor. Außerdem gab es in diesem Zeitraum häufig Glatteis. Vielleicht der gefrorene Angstschweiß der Entführten? Ich fing an zu faseln. „Schluss jetzt, Bonolino! Bleib auf dem Boden der Tatsachen“, ermahnte ich mich insgeheim selbst.

„Warum tauscht ihr nicht einfach die Himmelsrichtung, hmm?“, fuhr ich fort. „Ihr könntet im Uhrzeigersinn arbeiten und so die Wirkungsstätte der anderen kennenlernen. Mal die Perspektive wechseln. Neu orientieren. Alte Krusten aufbrechen! Jedes Jahr könnte ein anderer von euch bei der Wilden Jagd dabei sein! Ihr müsst mir aber versprechen, dass weder Mensch noch Tier, Pflanze oder Geist einen Schaden nimmt!“

Die vier Wintersagengestalten schauten sich verblüfft an, dann brachen sie in lauten Jubel aus. „Genau so machen wir das, Bonolino und niemandem soll ein Leid geschehen!“, rief der schaurig anzuschauende Krampus vergnügt. „Nun müssen wir nur noch den Nikolaus davon überzeugen, dass ihm jedes Jahr eine andere Begleitung zur Seite steht.“

„Damit kommt er schon klar. Auch der Nikolaus kann hin und wieder etwas Abwechslung vertragen“, antwortete ich zuversichtlich.

Als ich am Abend mit meinen Freunden MauMau, Türülü und Knabber bei leckerem Tee und Weihnachtsplätzchen in der warmen Stube beisammen saß, dachte ich noch einmal über das Erlebte nach. Bei dem Gedanken an die Wilde Jagd, jagte mir ein wohliger Schauer den Rücken hinunter. Ich würde in den Raunächten keinen einzigen Schritt vor die Tür setzen! Und dass ich mich mit niemandem über meine Arbeit zu streiten brauchte, gefiel mir auch sehr gut.

Da klopfte es unversehens an die besagte Tür, und ich fuhr erschrocken zusammen. Als ich öffnete, stand Sankt Nikolaus im Türrahmen – angetan mit Mitra, Bischofsgewand und -stab sowie einem breiten Grinsen im Gesicht: „Sag mal, Bonolino – wollen wir nicht auch mal unsere Aufgaben tauschen?“

 

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