Bonolino und die SchokoläuseBonolino und die Schokoläuse

Das Schönste an Weihnachten ist, wie ich finde, die Vorfreude darauf. In der Adventszeit richte ich mein Gartenhäuschen festlich her, dekoriere es mit allerlei weihnachtlichem Schmuck, bringe Fensterbilder mit Schneeflöckchen und Sternen an und trinke mit meinen Freunden dampfenden Tee am warmen Ofen. Natürlich kommt auch die Weihnachtsbäckerei nicht zu kurz.

Zusammen mit MauMau, Knabber und Türülü hatte ich ein Knusperhäuschen aus Lebkuchen gebastelt. Ein wahres Kunstwerk! Zuckerguss hing in dicken Eiszapfen an der Dachtraufe. Pfeffernüsse, Geleebohnen, Minz- und Schokodragees zierten die Wände, Spekulatius bildete einen knusprigen Gartenzaun und Puderzucker bedeckte als zentimeterdicke Schneeschicht den Boden. Nun fehlten nur noch die Bewohner. Doch bevor ich die Hexe in ihre Haustür stellen konnte, hatte Eichhörnchen Knabber sie geschnappt und in Windeseile gefressen.

„He!“, rief ich entrüstet. „Was fällt dir ein?“

„Ich mag keine Hexen. Die fressen kleine Kinder!“, antwortete Knabber zufrieden kauend.

„Und du hast die Hexe gefressen. Pass auf, dass Frau Holle das nicht mitkriegt!“, fauchte MauMau und klebte mit Zuckerguss eine kleine schwarze Lakritzkatze auf den Dachfirst.

„War doch nur Lebkuchen, keine echte Hexe.“

„Wehe, du frisst die Katze!“

„Mag gar keine Lakratze.“

„Das Knusperhäuschen wird nicht gegessen“, mischte ich mich ein. „Aber ich habe noch ein paar Schokoladen-Nikoläuse, dort drüben auf der Fensterbank.“

Hmmm … Täuschte ich mich, oder machten die kleinen alten Männer mit ihren glitzerroten Alufolienmänteln etwa erschrockene Gesichter?

„Du bist doch auf Diät, Bonolino. Schokolade ist nichts für dich“, sagte Türülü und pickte mit dem Schnabel in einen Dominostein.

„Es ist heute sowieso schon zu spät für Süßigkeiten. Gleich gibts Abendbrot“, brummelte ich. Die Schokoläuse schienen erleichtert durchzuatmen. Seltsam.

Nach dem Abendessen und einer Runde Märchengeschichten gingen wir alle schlafen. Ich schnarchte in meinem Planschbecken, MauMau auf dem Ofen, Türülü auf dem Gummibaum und Knabber im Handarbeitskorb, nachdem er sämtliche Strick- und Häkelnadeln hinausbugsiert hatte. So wurde das nichts mit meinen neuen Strümpfen. Während der Nacht hörte ich merkwürdige Geräusche, wie das Trippeln vieler kleiner Füße. Da ich aber müde und zu faul zum Aufstehen war, drehte ich mich in meinem „Tümpel“ einfach um und schlief wieder ein.

Als ich am nächsten Morgen zum Frühstück etwas Schokolade naschen wollte, stellte ich voller Verwunderung fest, dass die Schokoläuse verschwunden waren. Misstrauisch warf ich Knabber einen Blick zu, aber das kleine Eichhörnchen – es trug eine halb fertige Socke als Nachtmütze – befand sich noch im tiefsten Reich der Träume. Auch meine anderen Freunde waren offenbar unschuldig: Türülü hatte seinen Dominostein zwischen den Krallen und MauMau mochte keine Schokolade. Erschrocken stellte ich fest, dass sich auch das Knusperhäuschen in Luft aufgelöst hatte. Was war geschehen? Plötzlich hörte ich Kichern und Klappern aus meiner Speisekammer. Als ich den kleinen Raum betrat, blieb ich bass erstaunt stehen. Direkt neben der blauen Schlafflasche von Flaschengeist Bömmel stand das Knusperhäuschen. Er war vor einiger Zeit bei mir eingezogen. Auf einem Plakat an der Lebkuchen-Haustür befanden sich zwei in einem Linienzug gezeichnete Häuser und folgende Aufschrift:

„Das ist das Haus vom Schokolaus, und nebenan der Flaschenmann“.

Die verschwundenen Schokoläuse hielten im puderzuckerverschneiten Garten des Häuschens Transparente in die Höhe und krakeelten. „Das ist unser Haus!“ „Hexen und Eichhörnchen haben keinen Zutritt!“ „Schokoläuse dürfen nicht gefressen werden!“

Hu! Eine Schokoladen-Demo zwischen Gurken- und Marmeladegläsern. Mir fehlten die Worte.

„Wie sind die bloß da hochgekommen?“, murmelte MauMau, die mir unbemerkt gefolgt war.

„Das war ich.“ Der Flaschengeist Bömmel streckte die Nase aus seiner Flasche. „In diesem Kabuff ist es ziemlich öde – ich brauche ein bisschen Nachbarschaft. Außerdem haben sie versprochen, die Kehrwoche einzuhalten.“

„Du meinst, sie fegen regelmäßig den Puderzucker auf den Boden meiner Vorratskammer?“ Ich zog die Augenbrauen nach oben.

„Quatsch! Sie werden die Regale und meine Flasche wöchentlich abstauben. Offensichtlich hältst du ja nicht so viel davon.“

„Pöh! Wie kommst du denn darauf?“

Bömmel grinste, fuhr mit dem Zeigefinger über den Deckel eines Einmachglases und streckte ihn mir dann schmutzbedeckt entgegen.

„Hmmmpfff. Na schön. Dann also eine Männerpension in meiner Speisekammer. Aber wenn das nicht funktioniert, zieht Ihr wieder um.“

Die Schokoläuse jubelten und hätten ihre Mützen in die Luft geworfen, wenn dies möglich gewesen wäre. Die ersten paar Tage ging alles gut, auch wenn ich mich an das ständige Hohoho! erst noch gewöhnen musste. Dann gingen die betagten Knusperhausbesetzer wieder auf die Barrikaden. Das Häuschen sei zu eng für so viel Schokolade, ein jeder bräuchte mehr Privatsphäre und somit eine eigene Unterkunft. Wenn ihre Wünsche erfüllt würden, gäben sie das Knusperhäuschen auch gerne zum Verzehr frei, obgleich sie es lieber als Senioren-Gemeinschaftszentrum nutzen würden.

Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, blockierten sie den Zugang zu meiner Äpfel- und Gemüsekiste mit den übriggebliebenen Dominosteinen, Aachener Printen und Zimtsternen. Ich konnte die kleinen Burschen ja verstehen! Seufzend baute ich aus meinem heißgeliebten Gewürzspekulatius komfortable Einzimmer-Apartments und gab den verschiedenen Regalböden Straßennamen. Marzipanstraße. Lamettagasse. Makronenweg. Stollensteig. Kipferlallee. Plätzchenplatz. Und so weiter. Ich kam mir vor wie ein Landvogt. Oder besser ein Fürst oder König. König Bonolino!

So gut mir diese Idee auch gefiel – für weitere Straßen war nun kein Platz in meiner Speisekammer. Und was glaubt Ihr, worauf ich daher im nächsten Frühjahr ganz gewiss verzichten werde? Richtig! Auf Schokoladen-Osterhasen!

 

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