Bonolino und der World Wide WaldBonolino und der World Wide Wald

Ich saß – wie so häufig seit Beginn des Frühjahres – in meinem Freiluftbüro und surfte durch das Internet. Jäh erhob sich ein starker Luftzug und wirbelte jede Menge Laub auf meinen Schreibtisch. Huh! Was hatte das denn zu bedeuten? Ich blinzelte und schaute mir die Blätter genauer an. Auf jedem einzelnen stand „Hilfe, Bonolino!“

Nervös blickte ich umher – wer bat denn per Luftpost um meine Unterstützung? Der Wirbel machte eine abrupte Kehrtwende und fegte die Blätter nun von mir weg, stracks durch mein Gartentor und hinaus auf den Gehweg. Schnell sprang ich auf und beeilte mich, dem strudelnden Laub so gut ich konnte zu folgen. Es ging über Stock und Stein, Feld und Flur, Wiesen und Weiden. Ich war völlig aus der Puste, als der Luftwirbel endlich zum Halten kam und die Blätter sanft zu Boden sanken. Als ich aufblickte, stockte mir der wenige Atem: Ich stand mitten im Wald! Mal wieder. Aufmerksam beobachtete ich die Umgebung, doch ich konnte niemanden entdecken, der meiner Hilfe bedurfte. Dann konzentrierte ich mich auf mein Gehör und lauschte den Waldgeräuschen: Die Eschen ächzten, die Kiefern knirschten, die Weiden wisperten. Wie unheimlich! Da plötzlich berührte mich etwas an der Schulter und ich fuhr erschrocken herum. Eine Buche hatte mich mit einem ihrer Äste angetippt und blickte mich nun aus sorgenvollen Astlöchern an.

„Hallo Bonolino“, knarzte es aus ihrer Rinde. „Wir Bäume stehen hier vor einem unüberwindbaren Problem.“ Sie deutete mit ihrem Ast auf einen dicken Felsbrocken, der direkt auf ihren Füßen läge, wenn sie denn welche gehabt hätte. So aber ruhte der große Stein schwer auf ihren Wurzeln und auf denen ihrer nahestehenden Baumgefährten.

„Dieser Stein blockiert unsere Informations- und Futterwege zu den Pilzen“, erklärte eine Eiche.

Hö? Ich war perplex. Welche Wege denn? Ein paar Champignons und Maronenröhrlinge, die wenige Meter entfernt wuchsen, nickten mir freundlich zu.

„Aber da hinten stehen doch ein paar der kleinen Burschen“, meinte ich. „Könnt Ihr denn den Pilzen nicht einfach etwas zurufen? Und was hat es mit dem Futter auf sich?“

„Die Pilze kommunizieren nicht mit ihren Köpfen, sondern mit ihren Füßen, oder besser gesagt mit ihren wurzelähnlichen Geflechten, dem sogenannten Myzel“, antwortete die Eiche. „Das Leben der Pilze findet hauptsächlich unter der Erde statt. Der Kopf und der Stiel eines Pilzes machen nur einen sehr geringen Teil seines Körpers aus. Und ich finde es schon sehr erstaunlich, dass wir Bäume quasi mit ihnen reden können, wo es sich doch bei Pilzen nicht einmal um Pflanzen handelt.“

„Willst du damit sagen, dass Pilze Tiere seien?“, fragte ich verblüfft.

„Nein“, mischte sich die Buche ein. „Pilze sind weder Pflanzen noch Tiere. Sie sind einfach nur Pilze. Und sie sind unsere Freunde!“

Mir kippte die Kinnlade runter: „Wie das? Ich meine, wie funktioniert denn so eine Freundschaft zwischen Pilz und Baum?“

Eine Tanne beugte sich zu mir herunter: „Nun, wir haben einiges gemeinsam. Weder Bäume noch Pilze können sich vom Fleck bewegen. Also sind wir auf das angewiesen, was der Waldboden uns bietet. Und das ist nicht immer viel.“

„Richtig“, seufzte ein Ahornbaum. „Deshalb unterstützen wir uns gegenseitig so gut wir können. Wir bieten den Pilzen Zucker, den wir aus der Photosynthese gewinnen und im Gegenzug versorgen uns die Pilze mit Nährstoffen und Wasser.“

„Genau! Und außerdem können wir mit Hilfe der Pilzleitungen auch mit unseren weiter entfernt stehenden Verwandten kommunizieren und bei Bedarf Zucker austauschen. Die Pilze sind unser Internet!“, rief die Eiche, während die Champignons und Maronenröhrlinge fröhlich mit den Köpfen wackelten.

„Wow! Dann seid ihr also ein WWW – ein World Wide Wald, oder so?“

„Die Pflanzenforscher sprechen eher vom Wood Wide Web – dem Waldweiten Web“, antwortete die Buche. „Aber wie gesagt ist unsere Netzverbindung gestört. Der Felsbrocken da drückt auf unsere Leitungen. Kannst Du ihn bitte entfernen?“ Ich versuchte den Brocken wegzuschieben. Abwechseln zog und drückte ich an dem Fels, aber er bewegte sich keinen Millimeter vom Fleck. „Wie ist er denn hierhin gekommen?“, fragte ich japsend und schweißüberströmt.

„Als wir gestern Morgen aufwachten, war er auf einmal da. Wir wissen nicht, woher er stammt“, antwortete die Eiche.

Alleine schaffte ich es nicht, den Felsbrocken von der Stelle zu bewegen. Kurzerhand mobilisierte ich die Wildschweine, die ich vergangenen Herbst kennengelernt hatte, indem ich ein paar schrille Pfiffe ausstieß. „Selbstverständlich helfen wir Wilde Waldwutzen den Bäumen. Wir sind hier doch alle WWW“, grunzte der anführende Keiler vergnügt und die gesamte Rotte lachte mit.

Gemeinsam drückten wir gegen den Felsbrocken, der sich nur sehr langsam in Bewegung setzte. In der Zwischenzeit war die Sonne untergegangen und wir machten eine kurze Verschnaufpause, bevor wir mit unserer Arbeit fortfuhren. Plötzlich begann der Brocken zu zittern und eine tiefe Stimme brummte: „Hört auf, mir ins Ohr zu grunzen!“

Erschrocken ließen wir von dem Gestein ab und plumpsten auf unsere Allerwertesten. Der Brocken begann sich auszudehnen und plötzlich wurden Arme, Beine und ein Gesicht sichtbar. Bei dem Felsbrocken handelte es sich um einen Troll, der bei Sonnenaufgang zu Stein erstarrt und bei Sonnenuntergang wieder erwacht! Wie ein Hund schüttelte er sich und lachte: „Tach, Bonolino! So sieht man sich wieder!“ In der Tat! Das war der finnische Troll Cem, der für den Weihnachtsmann neue Reiserouten um die Welt entwickelte.

„Yep! Weltweite Weihnachtswege für Joulupukki“, grinste Cem. Joulupukki war der finnische Name des Weihnachtsmannes, den ich vor einiger Zeit kennengelernt hatte. Dieses WWW-Gedöns lief einem aber auch überall über den Weg und ständig hatte es neue Bedeutungen. „Ihr Bäume braucht euch keine Sorgen zu machen – ich bin nur auf der Durchreise.“ Es machte Plopp! und schon war er verschwunden. In der lauen Abendluft ertönte noch ein freundliches, finnisches „Näkemiin!“, was soviel wie „Tschüss!“ bedeutet.

Auch für mich und die Wildschweine war es nun an der Zeit, uns zu verabschieden. Die Bäume bedankten sich überglücklich bei uns, schickten die guten Neuigkeiten über das instand gesetzte Netz an ihre fernen Verwandten und auch die Pilze strahlten uns zufrieden an. Dann machte ich mich auf den Heimweg – WWW – wieder weg aus dem Wald.

 

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