/Newsletter 2020/08

Gesundheitsinformationen im Netz:
Worauf kommt es an?

Die Suche nach Informationen zu Medizin- und Gesundheitsthemen im Internet gehört heute zum Alltag. Doch welche Informationen sind vertrauenswürdig und welche nicht? Wir sprachen mit der Medizinerin Daniela Hubloher von der Verbraucherzentrale Hessen darüber, worauf man bei der Recherche im Netz achten sollte und wie es um die Gesundheitskompetenz der Deutschen bestellt ist.

Daniela Hubloher
Gesundheitsexpertin Daniela Hubloher von der Verbraucherzentrale Hessen
Foto: Verbraucherzentrale Hessen

Warum ist das Thema Gesundheitsinformationen im Internet wichtig?

Daniela Hubloher: Suchen Sie im Internet nach Informationen zu einem bestimmten Gesundheitsthema, zeigt Ihnen die Suchmaschine in der Regel unzählige Treffer an. Doch nur, weil eine Information im Internet steht, heißt das noch lange nicht, dass Sie ihr vertrauen können. Firmen etwa nutzen das Internet, um ihre Produkte zu bewerben und zu verkaufen. Sie haben also ein kommerzielles Interesse. Oft ist aber auf den ersten Blick nicht zu erkennen, wie seriös, neutral, kompetent und vertrauenswürdig ein Informationsanbieter im Internet ist. Dies beurteilen zu können, ist Teil der sogenannten Gesundheitskompetenz, also der Fähigkeit, sich in unserem Gesundheitssystem zurechtzufinden und Gesundheitsinformationen, zum Beispiel im Internet, auf ihre Glaubwürdigkeit hin einordnen zu können.

Wie sieht es mit der Gesundheitskompetenz der Deutschen aus?

Daniela Hubloher: Die Universität Bielefeld hat hierzu im Dezember 2016 eine speziell auf Deutschland bezogene repräsentative Studie mit dem Namen Health Literacy-Survey (HLS-GER) veröffentlicht. Danach verfügen lediglich 7,3 Prozent über eine exzellente Gesundheitskompetenz. Bei 38,4 Prozent ist sie ausreichend, bei 44,6 Prozent problematisch und bei 9,7 Prozent unzureichend. Addiert man die letzten beiden Gruppen, so liegt laut der Studie bei 54,3 Prozent der deutschen Bevölkerung eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz vor, d. h. sie haben erhebliche Schwierigkeiten, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und zu nutzen.

Was bedeutet das für die Betroffenen und unser Gesundheitssystem?

Daniela Hubloher: Menschen, deren Kenntnisse in Gesundheitsfragen eher gering sind, nehmen seltener Angebote zur Früherkennung von Krankheiten wie zum Beispiel Krebs wahr. Diagnosen werden dann später gestellt, so dass das Risiko für einen Krankenhausaufenthalt bei ihnen größer ist, was höhere Behandlungs- und Gesundheitskosten nach sich zieht. Und auch das Sterberisiko steigt mit abnehmender Gesundheitskompetenz.

Hat die Studie der Universität Bielefeld etwas bewirkt?

Daniela Hubloher: Ja. Die Ergebnisse haben die Politik veranlasst, aktiv zu werden. So wurde 2017 die Allianz für Gesundheitskompetenz gegründet, die unter der Schirmherrschaft des Bundesgesundheitsministeriums einen nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz ins Leben gerufen hat. Ein Ergebnis dieses Aktionsplans ist das nationale Gesundheitsportal www.gesund.bund.de, das zum 1. September 2020 ans Netz gegangen ist – ebenfalls unter der Schirmherrschaft des Bundesgesundheitsministeriums. Es stellt der Bevölkerung in verständlicher Sprache vertrauenswürdige, aktuelle und wissenschaftlich überprüfte Informationen zu Gesundheitsthemen zur Verfügung

Wie erkenne ich bei einer Internetrecherche zu Gesundheitsthemen, ob ich es mit einem seriösen, vertrauenswürdigen Anbieter zu tun habe?

Daniela Hubloher: Zunächst gilt: Das Internet kann keinen Arztbesuch ersetzen. Bei gesundheitlichen Beschwerden sollte man sich daher immer an einen Arzt oder eine Ärztin wenden. Aber natürlich kann man sich im Internet gut informieren, etwa um ein Arztgespräch vor- oder nachzubereiten. Hier sollte man zuerst im Impressum der Website, auf der man sich informiert, nach dem Anbieter schauen. Ist dies zum Beispiel der Krebsinformationsdienst, die Ärztekammer oder ein unabhängiges Institut, handelt es sich eher um einen neutralen Anbieter. Steht im Impressum ein Pharmaunternehmen oder ein Hersteller von Medizin- und Gesundheitsprodukten wie zum Beispiel Sehhilfen oder Hörgeräten, dann weiß man, dass es bei den Informationen auch um kommerzielle und werbliche Interessen geht. Man sollte auch nachsehen, ob der Verfasser der Informationen über eine geeignete fachliche Qualifikation verfügt und wann der Beitrag veröffentlicht wurde, also ob er noch aktuell ist. Vielen ist zudem nicht bewusst, dass das Ranking etwa bei einer Google-Suche kein Qualitätsranking ist, sondern das die ersten Positionen häufig gekauft sind. Ganz wichtig ist auch, dass Quellen genannt werden, mit denen sich die Informationen überprüfen lassen. Heilsversprechen wie eine 100-prozentige Wirkungsgarantie sind immer mit großer Vorsicht zu genießen. Generell gilt, sich nicht nur auf ein Portal zu verlassen, sondern mehrere miteinander zu vergleichen. Eine ausführliche Checkliste  mit wichtigen Kriterien für eine Überprüfung von Gesundheitsinformationen im Netz stellt die Verbraucherzentrale auf ihren Internetseiten zur Verfügung.

Gibt es Gütesiegel für vertrauenswürdige Gesundheitsportale?

Daniela Hubloher: Es gibt zwei Siegel, an denen man sich orientieren kann: Da ist zum einen das Siegel der Stiftung Health on the Net Foundation (HON). Und dann gibt es noch das Siegel des Aktionsforums Gesundheitsinformationssystem (afgis) e.V. Sie weisen unter anderem darauf hin, dass Informationen von geschultem Personal gegeben, Quellen genannt und finanzielle Unterstützer offengelegt werden. Aber Achtung, nur wenn man das Siegel anklicken kann und sich ein Fenster öffnet, nutzt es der Betreiber der Website zu Recht.

Vielen Dank, Frau Hubloher, für das Gespräch!