/Newsletter 2026/04

Einsam im Job? Fehlende Verbundenheit kann krank machen

Wie kann jemand einsam sein, der täglich im Job mit Kolleginnen und Kollegen zu tun hat – Telefongespräche führt, Meetings hält oder zu Außenterminen fährt? Und sogar so einsam sein, dass es krank machen kann? Auf den ersten Blick kaum zu glauben, aber Studien zeigen genau das. Rund jeder fünfte Berufstätige fühlt sich im Job einsam.

Seit zwei Jahren beschäftigt sich der BKK-Dachverband gemeinsam mit dem Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik mit dieser Thematik. In einer multi-methodischen Studie wurden Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP)* statistisch ausgewertet und Fachkräfte aus der betrieblichen Praxis qualitativ und standardisiert befragt. Die Ergebnisse lassen aufhorchen.

Wie verbreitet ist Einsamkeit im Berufsleben?

Rund 18 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter in Deutschland fühlen sich einsam. Besonders betroffen sind junge Erwachsene sowie Menschen in Umbruchphasen, etwa während der Ausbildung oder beim Einstieg in einen neuen Beruf. Auch bestimmte Lebenssituationen erhöhen das Risiko. Dazu gehören beispielsweise die Pflege von Angehörigen, Alleinerziehende, chronische Erkrankungen oder belastende Lebensereignisse. Hinzu kommen Arbeitsbedingungen, die soziale Kontakte erschweren – etwa häufiges Homeoffice, räumliche Distanz zu Kolleginnen und Kollegen oder auch ein hoher Zeit- und Leistungsdruck.

Einsamkeit ist mehr als einfach Alleinsein

Einsamkeit bedeutet nicht zwangsläufig, allein zu sein. Entscheidend ist das subjektive Empfinden. Wer sich zwar unter Menschen befindet, aber keine echten, vertrauensvollen Beziehungen erlebt oder sich nicht als Teil einer Gemeinschaft fühlt, kann sich trotzdem einsam fühlen. Fachleute unterscheiden dabei verschiedene Formen. Manche Menschen vermissen eine enge persönliche Beziehung, andere leiden darunter, kein unterstützendes soziales Netzwerk zu haben oder sich im Team nicht zugehörig zu fühlen.

Vier Kollegen sitzen an einem Tisch, jeder schaut nur auf seine eigenen Unterlagen

Wenn Einsamkeit auf die Gesundheit schlägt

Chronische Einsamkeit ist kein harmloses Gefühl. Studien zeigen, dass sie mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und einer geschwächten Immunabwehr verbunden ist. Auch die psychische Gesundheit leidet. Einsame Menschen entwickeln häufiger Depressionen oder Angststörungen, schlafen schlechter und berichten über eine geringere Lebensqualität. Langfristig kann Einsamkeit sogar das Risiko für Demenzerkrankungen erhöhen.

Warum gerade die Arbeit eine wichtige Rolle spielt

Der Arbeitsplatz kann vor Einsamkeit schützen – allerdings nur dann, wenn soziale Beziehungen tatsächlich entstehen können. Gute Zusammenarbeit, gegenseitige Unterstützung und das Gefühl, dazuzugehören, wirken sich positiv auf Gesundheit und Wohlbefinden aus. Moderne Arbeitsformen bringen dabei Chancen und Herausforderungen zugleich. Homeoffice und mobiles Arbeiten schaffen mehr Flexibilität, reduzieren aber häufig spontane Begegnungen. Der kurze Austausch auf dem Flur oder die gemeinsame Kaffeepause fallen weg. Digitale Kommunikation kann vieles erleichtern, ersetzt persönliche Nähe jedoch nicht vollständig.

Einsamkeit hat viele Gesichter

Im Berufsleben entsteht Einsamkeit nicht nur durch fehlende Kontakte. Manchmal fehlt der fachliche Austausch, etwa wenn jemand die einzige Person mit einer bestimmten Qualifikation im Unternehmen ist. Andere erleben ihre Rolle als isolierend, beispielsweise Führungskräfte oder Beschäftigte im Personalbereich, die aufgrund ihrer Funktion weniger ungezwungene Beziehungen pflegen können.

Eine weibliche Führungskraft steht abseits von ihren Mitarbeitenden

Warum Betroffene oft schweigen

Über Einsamkeit zu sprechen, fällt vielen Menschen schwer. Das Thema ist noch immer mit Scham besetzt. Manche befürchten, als wenig belastbar oder sozial unbeholfen wahrgenommen zu werden. Deshalb bleibt Einsamkeit häufig unsichtbar – obwohl sie viele Beschäftigte betrifft. Gerade deshalb ist ein offener Umgang mit dem Thema wichtig. Wer weiß, dass Einsamkeit kein persönliches Versagen, sondern ein weit verbreitetes Phänomen ist, sucht eher Unterstützung.

Was Unternehmen tun können

Einsamkeit lässt sich nicht allein durch ein Sommerfest oder einen Teamtag verhindern. Entscheidend sind Arbeitsbedingungen, die soziale Verbundenheit dauerhaft fördern.

Dazu gehören unter anderem:

  • regelmäßige persönliche Austauschmöglichkeiten,
  • eine wertschätzende Teamkultur,
  • Führungskräfte, die aufmerksam zuhören und Veränderungen wahrnehmen,
  • gute Einarbeitung neuer Mitarbeitender,
  • Mentoring- oder Buddy-Programme (Job-Paten),
  • Möglichkeiten für informelle Begegnungen – auch im hybriden Arbeitsalltag.

Ebenso wichtig ist es, das Thema in Mitarbeitendenbefragungen oder im Betrieblichen Gesundheitsmanagement mitzudenken. So können Belastungen frühzeitig erkannt werden.

Was jede und jeder selbst tun kann

Auch Beschäftigte können aktiv etwas für soziale Verbundenheit tun. Oft helfen schon kleine Schritte:

  • Kolleginnen und Kollegen bewusst ansprechen und gemeinsame Pausen nutzen.
  • Bei Homeoffice regelmäßige persönliche Treffen oder Videogespräche vereinbaren.
  • Neue Mitarbeitende aktiv willkommen heißen.
  • Veränderungen bei Kolleginnen oder Kollegen wahrnehmen und das Gespräch suchen.
  • Bei anhaltender Belastung Unterstützung durch Beratungsangebote oder ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Sechs Kollegen machen gemeinsam Mittagspause

Soziale Verbundenheit ist Gesundheitsvorsorge

Gesundheit entsteht nicht nur durch Bewegung, Ernährung oder ausreichend Schlaf. Auch soziale Beziehungen sind ein wichtiger Schutzfaktor. Wer sich als Teil einer Gemeinschaft erlebt, kommt mit Belastungen oft besser zurecht und bleibt langfristig gesünder.

Deshalb lohnt es sich, Einsamkeit am Arbeitsplatz ernst zu nehmen – nicht nur als persönliches Gefühl, sondern als Thema der Gesundheitsförderung. Denn dort, wo Menschen sich gesehen, gehört und eingebunden fühlen, profitieren Beschäftigte ebenso wie Unternehmen.


*Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine der größten und am längsten laufenden multidisziplinären Langzeitstudien weltweit. Seit 1984 werden dafür jährlich rund 30.000 Menschen in knapp 20.000 Privathaushalten in Deutschland zu Themen wie Einkommen, Gesundheit und Erwerbstätigkeit befragt. Die Studie wird vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) durchgeführt und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sowie den Bundesländern gefördert. Die Befragten selbst kennen die Erhebung meist unter dem Namen „Leben in Deutschland“